Dating

Das unmögliche Date

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Fünf Jahre lang war ich in einer Beziehung. Vor etwa sechs Monaten brach sie aber auseinander. Sechs Monate lang war ich für mich und brauchte auch die Zeit für mich alleine, bevor ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Profil auf Tinder erstellt habe. Ich hatte Lust, mich wieder zu öffnen, wollte wieder körperliche Nähe spüren – aber dann kam Corona.
Lockdown. Ausgangssperre. Nachdem ich mich wie wahrscheinlich jeder mit genug Lebensmitteln für zwei Wochen eingedeckt und im Supermarkt um die letzten Klopapier-Rollen gekämpft hatte, saß ich wieder alleine in meiner Wohnung. Vollkommen alleine. Das Tindern brachte mir tatsächlich Abwechslung und Unterhaltung. Vor allem viel mir eine Sache auf: Ich schrieb mit Frauen, von denen ich nicht ansatzweise glaubte, dass sie sich jemals für mich interessieren würden. Und auch wenn ich heute noch darüber nachdenke, komme ich auf keine schlüssige Lösung. War den Frauen einfach auch viel zu langweilig, haben sie einfach mit mehr Leuten geschrieben als sonst, um sich von der Corona-Situation abzulenken? Oder traue ich mir seit Jahren (vielleicht schon mein ganzes Leben lang) viel zu wenig selbst zu und bekomme hier gerade vorgeführt, dass mein mangelndes Selbstbewusstsein zu chronischer Selbstunterschätzung geführt hat?
Auf jeden Fall sorgte eine Frau dafür, dass ich jedes Mal den Anflug eines kribbelnden Hochgefühls bekam, wenn mir in der Vorschau-Leiste angezeigt wurde, dass sie mir geschrieben hat. Katja – was für eine wunderschöne Frau. Und schon alleine an ihrem Schreibstil und der Art und Weise, wie wir uns über Themen austauschten, fühlte ich, dass wir voll auf einer Wellenlänge sind. Unsere Chats wurden immer länger und immer intimer, sodass auch mein Verlangen mit jedem Tag stieg. Ich wollte nicht nur von ihr lesen. Ich wollte nicht nur mit ihr schreiben. Ich wollte sie fühlen. Und ihr ging es genauso. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie stark mein Herz klopfte, nachdem ich sie zu mir eingeladen hatte und ihre Antwort auf meinem Handybildschirm flimmerte: „Klar. Warum nicht?“
Wir mussten uns in ihrer oder meiner Wohnung treffen, Bars, Kinos und sämtliche Orte zum Daten waren ja geschlossen. Seit meine Ex ausgezogen ist, habe ich eine verhältnismäßig große Wohnung für mich. Vielleicht kann ich also gleich bei Katja punkten. Ich stehe in der Küche und backe gerade einen Erdbeerkuchen. In den fünf Jahren meiner letzten Beziehung habe ich nur ein einziges Mal gebacken. Vielleicht bin ich ja nervöser, als ich zugeben möchte.
Als es an der Tür klingelt und ich sie öffne, bleibt mir der Atem weg. Vor mir steht eine Frau, die so unbeschreiblich schön ist, dass es kein Bild auf Social Media je darstellen könnte – und sei es noch so aufpoliert.
„Hallo Katja – schön dich zu sehen.“ Ich bin nervös. Mir fallen kaum Gesprächsthemen ein und wirklich eloquent drücke ich mich auch nicht aus. Sie trägt auch nicht viel zu einem Gespräch bei. Ich kann nicht erkennen, ob sie auch nervös ist, oder einfach nur desinteressiert. Der Kuchen ist mir ganz gut gelungen, die Abendplanung nicht. Wir essen was, chillen uns dann auf die Couch und schauen einen Film. Zwei Stunden sitzen wir schweigend nebeneinander, bis sie später am Abend sagt, dass sie nach Hause muss. Kein Kuss. Kein Sex. Kein „bis zum nächsten Mal“.
Seitdem haben wir auch kaum noch geschrieben. Und ich bin am Ende genauso ratlos wie davor, ob ich wirklich ein interessanter Typ bin oder ob Corona nur dafür gesorgt hat, dass sie sich mit mehr Leuten trifft, als sie es sonst tun würde.