Feste Beziehung

„Mama, ich muss dir was sagen“

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Normalerweise lüge ich meine Eltern nicht an, wenn es um meine Beziehungen geht. 
Klar, Ich erzähle nicht auch nicht alle Details. Aber vor allem, wenn ich mit einer neuen Bekanntschaft noch in der „Dating-Phase“ bin, erwähne ich das gegenüber meinen Eltern nicht direkt. Man muss Mama und Papa ja keine falschen Hoffnungen machen… und sich selbst auch nicht. Ich halte meine Beziehungen aber auch nicht ewig geheim, das möchte ich auch nicht, denn meine Familie ist mir super wichtig und wir stehen uns wirklich nahe. 
Im Februar habe ich einen alten Klassenkameraden wieder getroffen. Wir waren in der Schule nie eng befreundet und er hat vor dem Abi noch die Schule gewechselt, seitdem hatten wir uns nicht gesehen. Dann waren wir zufällig in der gleichen Bar, sind zusammen nach Hause gegangen und haben uns seitdem „gedatet“ – ich hasse dieses Wort.  

Dann kam die Kontaktbeschränkung wegen der Corona-Pandemie. Wir haben uns trotzdem weiter getroffen. Das war vielleicht nicht ganz legal, aber wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras mehr (das sagt zumindest mein Opa). Plötzlich haben wir eine Woche zusammen gewohnt, weil ich aus „Sicherheitsgründen“ nicht in meine WG zurück wollte. Aber es war toll, und während alle um mich herum mit den Einschränkungen zu kämpfen hatten, waren genau diese der Grund, dass wir uns in kurzer Zeit viel besser kennen lernen konnten, romantische Dates auf der Couch hatten und von dem Rest der Welt in Ruhe gelassen wurden. Diese typischen Sorgen, die ich sonst in der Kennenlern-Phase immer hatte, sind einfach weg gefallen. Klammer ich zu sehr? Sollen wir in dieses oder jenes Restaurant gehen? Teilen wir dann die Rechnung, oder lädt er mich ein? 
Soll ich ihn jetzt schon meinen Freunden vorstellen? All das wurde komplett irrelevant. Nur eine Sache änderte sich nicht: Wann erzähle ich Mama und Papa von ihm? Ich  telefoniere oft mit meiner Mama, meistens über banale Sachen, einfach kurz mal in der Kaffeepause. Jetzt erwähne ich ihn manchmal in einem Nebensatz, so nach dem Motto „Jannik hat mir erzählt, dass…“. Mehr sagte ich nicht, vielleicht hörte meine Mama die eigentliche Neuigkeit zwischen den Zeilen heraus, das kann sie sonst eigentlich ganz gut. 


Jetzt rief sie an und ich saß in der Wohnung, die nicht meine war, in einem T-Shirt, dass nicht mir gehörte. „Und, was hast du gestern Abend noch so gemacht?“ fragt sie. „Ich hab noch einen Film geguckt.“ Die Info, dass ich den Film nicht alleine, und eigentlich nur bis zur Hälfte geguckt habe (ich wurde plötzlich abgelenkt), habe ich weg gelassen. Dabei fühlte es sich doch schon längst wie eine feste Beziehung an und ich wusste nach einer Woche Corona mit ihm, dass ich für immer so weiter machen wollte. Warum konnte ich es dann meinen Eltern, zu denen ich doch eine sonst so vertraute Beziehung habe, nicht sagen? Weil die Regierung es verboten hatte? Weil ich nicht sicher war, ob das Ganze bis nach Corona hält? Weil meine Eltern die Beschränkungen ernster nahmen als ich? An einem Wochenende war ich bei meinen Eltern zu Besuch, er war bei seinen. Das ist im Nachbarort. Eigwntlich wohnen wir beide in Mainz. Wir hatten geplant, gemeinsam wieder zurück nach Mainz zu fahren. Ich erzählte das meiner Mama, formulierte es so, als sei er nur ein Bekannter, als handle es sich um eine rein praktische Fahrgemeinschaft.  
Sie war dagegen, im Auto wäre man ja viel zu nah nebeneinander. Sie bot mir dann ihr Auto an und weil ich zu feige war, bin ich alleine zurück nach Mainz gefahren. Er auch, und abends trafen wir uns bei ihm, dann verbrachten wir drei Tage am Stück miteinander. Seit Ende April sind wir ganz offiziell zusammen, nach einem super kitschigen Gespräch bei ihm in der zwei-Quadratmeter Küche. Am nächsten Tag rief meine Mama an. „Mama ich muss dir was sagen. Ich bin grad bei, naja du kannst dir bestimmt denken bei wem… bei Jannik, also eigentlich bin ich schon die ganze Zeit hier, also wir sind jetzt zusammen.“ Meine Mama freute sich ganz aufrichtig, fragt, wann ich ihn mal mit nach Hause bringe und dass ich liebe Grüße ausrichten soll. Kein Wort zu Corona oder die Kontaktbeschränkungen. Ich frage mich, warum ich mir so viele Sorgen gemacht habe.