Single

Nebeneinander alleine

Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man nicht Lauschen soll. Aber da haben wir auch auf dem Dorf gelebt und da gab es weit und breit nichts zum lauschen. Jetzt wohne ich im Studentenwohnheim und habe viele Nachbarn. Vor allem habe ich jedes Semester neue Nachbarn, und während ich mich zu Beginn dieses Digitalen Semesters darüber freue, nicht mehr jeden Tag eine Hose tragen zu müssen, habe ich vergessen, dass es Erstsemestler gibt, die gerade jetzt in ihr Studentenleben starten. In einer neuen Stadt, einer neuen Wohnung, ohne Freundeskreis. Meine Nachbarin gehört auch dazu. Das weiß ich, weil ich gelauscht habe, als sie telefoniert hat. Mein erster Impuls war hallo zu sagen, ihr die Hand zu schütteln und sie auf ein Käffchen zu mir einzuladen. Ich bin so jemand, ich mach sowas wirklich. Aber die Vorschriften verbieten das. Nur treffen im Freien mit mindestens zwei Meter Abstand ist erlaubt, niemand, der nicht zu deinem Haushalt gehört, darf bei dir rein. Ich persönlich sehe das nicht so eng, aber man weiß ja nie. Vielleicht gehört sie zur Risikogruppe, oder hat einen systemrelevanten Beruf, oder will sich an die Regeln halten. Das respektiere ich. Aber das ist der Moment, in dem es mir übergriffig vorkommt, meiner Nachbarin einen Kaffee anzubieten. Wie absurd, dass in Zeiten, in denen es auf Nachbarschaftshilfe ankommt, eine tröstende Umarmung oder ein feucht freundlicher Händedruck, verboten sind.