Feste Beziehung

Reisefreiheit?

Seid wir denken können, kennen wir das Prinzip der Reisefreiheit. Für uns waren es hauptsächlich geschichtliche Erzählungen unserer Eltern und Großeltern, die uns die Privilegien von offenen Grenzen näher brachten. Für uns selbst, Lotta und Merlin, war deren Offenheit und die dauerhafte und unkomplizierte Passierbarkeit dank unserer Pässe eine Selbstverständlichkeit. Insbesondere in Europa. Wir lernten uns im Frühling 2019 in Basel kennen.
Ich, Lotta, konnte durch ein Praktikum in der Schweiz als deutsche Studentin Tag täglich die Grenzen im Dreiländereck passieren. Merlin ging es mit seinem Schweizer Pass nicht anders. Für uns war klar, dass wir diese Vorzüge auch weiterhin nutzen würden. Insbesondere dann, als ich wieder zum Studium zurück nach Deutschland ging. Fernbeziehung. Für 12 Monate. Das war unser Konsens, unser Deal. Länger hätten wir darauf keine Lust und unsere Pläne sollten sich danach auch gut an einem gemeinsamen Wohnort leben lassen. Gesagt getan. Sooft es ging, nutzten wir die Offenheit der Grenzen, fuhren ständig zwischen den Ländern hin und her und passierten unzählige Male die Grenze. Selbstverständlich. Dann kam der März 2020. Ich war gerade alleine Wandern und Reisen. Spanien, Südfrankreich. Der Rückweg führte mich über Paris, wo wir uns spontan für ein Wochenende trafen. Und plötzlich waren wir nicht nur zwei junge verliebte Menschen, sondern verlobt. Crazy genug für uns beide. Und ein krasses Erwachen, als wir überglücklich wieder in unsere noch getrennten zu Hause fahren wollten und die Grenzen dicht gemacht wurden. Covid-19 Pandemie. Logisch, wir hatten vorher die sich täglich verändernde Lage in den Nachrichten verfolgt, aber das Gefühl plötzlich die Grenzen geschlossen zu sehen, war nochmal ein ganz anderes, realitätsfernes Gefühl. Zack stand Merlin am Busbahnhof und kam nicht mehr in die Schweiz. Mit dem Nachtbus in die Niederlande und anschließend über Deutschland zurück war dann die Lösung. Gleichzeitig wurde uns bewusst, dass wir erstmal nicht so wirklich eine Chance haben würden uns wiederzusehen. Diese Gefühl war zwischenzeitlich ziemlich unerträglich. Allgemein gehörte das sich gegenseitige Vermissen schon dazu. Aber ein: „Ich weiß nicht, wann sich das wieder ändert. Ich kann ja jetzt auch nicht einfach so morgen zu dir kommen.“ war für uns beide eine neue Ebene. Not macht erfinderisch. Nach verschiedensten Versuchen, drei Wochen vermissen und einem krisenbedingten Jobverlust später, versuchten wir es über einen Untermietvertrag. Die für uns einzige Möglichkeit auf ein Wiedersehen, war Merlins „Umzug“ nach Deutschland. Einen gescannten Mietvertrag in der Hand, so stand er an der Grenze. „Nein das ist so nicht ausreichend.“ Schock. Wut. Weitere vier Tage, bis der Originalvertrag ankam und seine Eltern ihm schriftlich bescheinigten, dass er nicht mehr zu Hause wohne. „Ernsthaft? Die tausend  Pendler und Pendlerinnen dürfen ja auch Tag täglich passieren, selbst wenn sie aus Risikogebiete kommen.“ „Ja, so sind nun mal die Vorschriften.“ Dann war er drüber. Vorbei an diversen Zollbeamt*innen und – völlig absurd – sporadischen Grenzzäunen. Zwei Wochen gemeinsam Alltag und Quarantäne leben. Immerhin zusammen. Danach Abschied, wieder auf ungewisse Zeit. Drei Wochen später hielt ich es nicht mehr aus, kaufte mir ein Ticket und war heilfroh noch eine Arbeitsgenehmigung inklusive Grenzpassierschein zu haben. Klar, ich hätte den auch vorher schon nutzen können. Wenn die gesetzliche Lage dir aber nur einen gewissen Betrag an Einkünften neben deinem Studium gewährt, begibst du dich dann in den illegalen Bereich… Dieses Mal standen ebenfalls Zollbeamt*innen an der Grenze. Guckten streng und prüften jedes Dokument genau. Ich hatte Glück und war drüber. Gemeinsame Zeit in der Schweiz und ein Erwachen in einem Alltag ohne Maskenpflicht und einem anderen Umgang mit der Pandemie. Obwohl der Erreger ja der gleiche ist. Egal, wir konnten uns wieder sehen. Auch wenn meine liebste Spazierstrecke in Basel weiterhin abrupt durch einen Grenzzaun endete. So fühlte sich das früher und in anderen Teilen der Welt noch heute also an. Hilflos. Ohnmächtig. Eigentlich auch mal sehr wertvoll das und seine Privilegien erleben und spüren zu dürfen und trotzdem noch Wege zu finden, sich sehen zu können. Und dann auch wieder öfter. Dank der neuen Selbstdeklaration: „Ich erkläre hiermit ausfolgenden wichtigen Grund im familiären Kreis einreisen zu wollen: Zum Besuch  des/der unverheirateten Partners/Partnerin einer Partnerschaft/Lebensgemeinschaft, die bereits vor März 2020 bestanden hat.“ Anzugeben war zusätzlich die genaue Anschrift und die Telefonnummer der/des Partner*in. Damit Zollbeamte im Falle telefonisch nachfragen könnten?! Was soll’s. Die Absurdität zu nutzen machte uns mit der Zeit fast Freude. Und jetzt sind die Grenzen wieder offen. Fast aus Trotz fuhr ich deshalb vorgestern mit dem Rad nach Frankreich zum Baguette kaufen. Einfach um das Gefühl und Prinzip der Freizügigkeit wieder leben zu können. Hoffentlich bleibt das auch. Merlin will im Sommer nach Deutschland ziehen. Endlich. 12 Monate sind dann vorbei. Das wollen wir genießen. Geschlossene Grenzen wären dabei schon eine Hürde, wobei wir mit Mietverträgen an Grenzen ja jetzt schon geübt sind.