Dating

Holt mich aus dem Tinder-Loch

What to do when at home: Während der Corona-Pandemie die Welt des Online-Datings erkunden

In einem verschlafenen Sonntagsmorgenanflug von Langeweile installiere ich die Dating-App Bumble. Sie ist sofern etwas angenehmer als Tinder, als dass die Frauen zuerst schreiben müssen und Infos zum Profil ausgewählt werden können, wie zum Beispiel politische Einstellung, Sternzeichen und Alkohol- und Nikotinkonsum. Außerdem laufen die Matches nach zwei Tagen ab. Ich traue mich also zuerst an die sichere Variante heran und lege los. Sosehr ich Selbstinszenierung liebe, lade ich trotzdem nur ein Bild von mir hoch. Ich will meine guten Bilder nicht an Dating-Apps aus Langweile und Spaß verschenken. Eine kurze Beschreibung über mich kann ich nicht und will ich auch nicht schreiben. Ich gebe mein Alter, meine politische Ausrichtung, meinen Alkoholkonsum, meine sportliche Aktivität, mein Sternzeichen und meine Größe an. Dem Versuch, mir eine komplett neue Persönlichkeit zuzulegen, widerstehe ich nur knapp. Erstmal probiere ich, ehrlich zu sein. Ich fange an zu Swipen. Links. Links. Links. Links. Links. Links. Links. Links. Rechts. Links. Links. Links. Vielleicht bin ich zu wählerisch. Ich gebe also mehr Männern eine Chance. Natürlich urteile ich nach dem Aussehen. Ich bin aufgeregt, wenn ich eine attraktive Person nach rechts swipe, also mit Ja, beurteilt habe. Wird es ein Match? Wird es ein Treffen? Wird es die große Liebe? Aber daran glaube ich grundsätzlich nicht. Außerdem schreibe ich meine Matches auch nicht an. Dafür bin ich viel zu faul. Nach ein paar Stunden Beschäftigungsswipen entscheide ich mich doch, den ersten Schritt zu machen. Mir fällt wieder ein, dass ich das ja machen muss, ich bin ja schließlich die Frau. Natürlich geschieht das wieder zu meinem eigenen Amusement. Wer springt auf meine Nachrichten an? Wer macht weiter? Wen verwirre ich? Ein Männermatch ist zu Beginn der Konversation lustig, aber spätestens nach der 10. Nachricht in Folge über irrelevante Alltagsthemen habe ich das Interesse verloren. Als ich ein Wochenende in meiner Heimat bin, suche ich da das Angebot ab. Jeder Zweite ist politische Mitte, Christ, raucht und trinkt nicht. Alles, was ich nicht will. Enttäuschend. Die besten Typen kommen übrigens aus Frankfurt am Main. Vielleicht ziehe ich um…Hoffnung für Bumble bekomme ich aber doch noch, als sich ein anfangs lustiges Gespräch mit einem Match nun über Wochen weiterentwickelt hat und immer tiefgründiger geworden ist. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich mich treffen würde. Ich kenne die Person schließlich nur aus ein paar ausgewählten Bildern und aus ihrem Schreibstil. Ich überlasse der bestimmten Person die Frage nach einem Date. 

Nach ungefähr einer Woche langweilt mich das Bumble-Angebot, also lege ich mir zusätzlich Tinder zu. Ich habe nun doch Lust auf etwas mehr Selbstinszenierung bekommen. Ich lade drei Bilder von mir hoch, gebe mein Alter und meinen Wohnort an und wähle ein Lied aus. Das Angebot auf Tinder ist generell enorm. Innerhalb weniger Zeit habe ich viele Matches, was natürlich an mir, aber auch an dem nicht enden wollenden Männerüberschuss liegt. Hier werde ich nun oft angeschrieben. Ein paar Mal auf Russisch, weil mich eins meiner Bilder im Leoparden-Look neben einer Statue von Dostojewski zeigt. Natürlich freue ich mich riesig über das Kompliment, aber ich antworte nicht. Hauptsächlich, weil ich die Nachricht nicht verstehe. Ich swipe immer weiter, es wird zu einer Sucht. Viele Matches schreiben mich an, ich mache aber grundsätzlich nie den ersten Schritt. Zu meiner Überraschung sind alle Männer freundlich und keiner so richtig unangenehm. Vielleicht liegt das aber auch an den Swipes, die ich verteilt habe. Ich stelle nun auf Frauen ein und bin gespannt. Das Angebot ist auch hier gar nicht mal so wenig. Ich matche vier Mal verschiedene Leas und beschließe, dass ich nun alle Leas auf Tinder matchen will. Ich matche Männer, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, und die ich definitiv nie nach rechts swipen würde. Ich matche meine Freunde. Ich matche eine Person, die ich auch auf Bumble gematcht habe. Irgendwann nervt es mich aber an, dass ich nur eine kurze Beschreibung und ein paar Bilder plus Spotify-Favoriten über eine Person habe, um auszuwählen, ob ich ihr eine Chance geben soll oder nicht. Bis mir auffällt, dass ich selbst keinerlei Angaben über meine Person habe. Also werde auch ich nur aufgrund dreier Bilder und einem Lied für gut befunden oder eben nicht. Schöne neue Welt.  

Sonntagabend bin ich in ein Tinderloch gefallen. Ich kann nicht mehr aufhören, zu swipen. Meine Abendbeschäftigung besteht darin, die Profile der auf Tinder zu findenden Existenzen zu begutachten und mit meinem kritischen Blick zu analysieren. Mein Fotoordner auf dem Handy besteht mittlerweile nur noch aus Screenshots von Profilen, die ich entweder extrem abstoßend oder auf seltsame Weise faszinierend fand. Ich beschließe, eine Ausstellung mit den besten Tinderschätzen zu kreieren. Mittlerweile habe ich vergessen, wen ich alles gematcht habe, mein Gehirn kann nicht so viel Speicherkapazität dafür freigeben. Manchmal bin ich über meinen guten Geschmack überrascht. Ich habe aber langsam den Überblick bei über 75 Matches verloren.  Trotzdem immer wieder interessant zu erfahren, was alles laut Tinder-Kilometerangabe um mich herum existiert. Teilweise auch erschreckend, wenn ich überlege, dass besagte Personen dann meine Nachbarn sein müssten. Ich komme zu dem Ergebnis, dass Dating-Apps wie Einkaufen gehen sind. Vor allem wenn du mit Hunger einkaufen gehst, steckst du alles Mögliche in deinen Korb. Das, was du eigentlich zum Kochen brauchts, findest du nicht und irrst wahllos durch die Gänge. Du wählst nach der Verpackung aus, ob du etwas kaufen willst oder nicht und stellst erst später fest, dass der Inhalt auf jeden Fall nicht gleich aussieht. Mittlerweile sind wir doch alle Marketing-Opfer geworden. Wieder zu Hause stellst du fest, dass du vergessen hast, was du eigentlich kaufen wolltest. Frustriert und unzufrieden legst du dich schlafen. Am nächsten Tag gehst du voller Hoffnung in den Supermarkt, um deine vergessenen Einkäufe nachzuholen, aber alles, was du wolltest ist ausverkauft. Morgen ist Sonntag. Vielleicht gehe ich dann einfach doch lieber ins Restaurant. Obwohl, ich bin eher der Kiosk-Typ.